Aktuelles 2018  

 

März 2018

7 Jahre nach der Dreifachkatastrophe – Der Zustand in Fukushima

Heute vor 7 Jahren, am 11. März 2011 um 14:46 Uhr wurde der Nordosten Japans von einem verheerenden Erdbeben und einem gewaltigen Tsunami heimgesucht, wodurch auch die Reaktor-

katastrophe mit 3 Kernschmel-zen am AKW Fukushima Daiichi ausgelöst worden ist. Das Erdbeben mit der Stärke 9,0 ist das bisher schwerste in der Geschichte Japans. Der Tsunami überflutete eine Fläche von 470 km². Mehr als 260 küstennahe Ortschaften wurden zerstört.

In den offiziellen Gedenkfeiern, die vielerorts in Nordostjapan stattfanden, wurden zwar die Opfer der Erdbeben- und Tsunami-katastrophe bedacht, wobei die Folgen der Reaktorkatastrophe allerdings nicht erwähnt worden sind. Anders sah das in den Gedenk- und Demoveranstaltungen der NGOs und Antiatom-Gruppen aus, die

das Thema „Fukushima“ in den Fokus stellten. Denn seitens der Regierung wird vor allem in Anbetracht der bevorstehenden Olympiade 2020, die Reaktor-katastrophe weitestgehend nicht thematisiert. Es wird einfach totgeschwiegen . . .

 

Häuser, Ortschaften, die nach dem Erdbeben und Tsunami noch intakt geblieben schienen, mussten aufgrund der hohen Radioaktivität fluchtartig verlassen werden. Hunderttausende verloren ihre Heimat. 

Die bisher größte Naturkatastrophe in Japans Geschichte forderte rund 15.893 Todesopfer und über 6000 Verletzte. 2554 Leute gelten noch als vermisst. Mehr als eine halbe Million Menschen wurden evakuiert, bzw. flüchteten „freiwillig“. Die radioaktiv verseuchten Gebiete um das AKW Fukushima Daiichi sind auf mehrere Jahrzehnte nicht mehr bewohnbar. Diese Gebiete werden aber, auf Anordnung der Regierung, zwecks Senkung der Radioaktivität, einer Flächendekontamination durch Abtragen der obersten Erdschicht unterzogen. Es wird weiterhin konsequent versucht, die Leute zur Rückkehr in ihre immer noch radioaktiv belastete Heimat zu bewegen. Da durch Wind und Regen immer wieder neue radioaktive Partikel herangetragen werden, hält der Effekt der Flächendekontamination auch nur kurzzeitig an. Alle Flächen, die sich außerhalb von Wohngebieten befinden, landwirtschaftliche Nutzflächen ausgenommen, wurden nicht dekontaminiert und weisen weiterhin eine deutlich erhöhte Strahlung auf.

Da sich die Rückkehrbereitschaft aus Sorge um die Gesundheit, sehr stark in Grenzen hält, lockt die Regierung sogar mit Prämien. Im Ort Iitate, der sehr stark radioaktiv verseucht worden ist, wurde sogar eine ganz neue Schule gebaut, um Familien mit Kinder zurück zu locken. Bisher sind „nur“ etwa 500 der 6000 ehemaligen Einwohner nach Iitate zurückgekehrt. Hierbei handelt es sich eher um ältere Leute, die in ihrem gewohnten Umfeld bleiben wollen. 

Am AKW Fukushima Daiichi

In der direkten Umgebung um das AKW häufen sich schwarze Säcke mit radioaktivem Abfall, der dort unter freien Himmel lagert. Alles radioaktiver Dreck, verursacht durch das AKW Fukushima Daiichi. Drum herum einige Wohnhäuser, die aufgrund der hohen Radioaktivität verlassen werden mussten. Die gesamte Umgebung wurde evakuiert und ist nicht mehr bewohnbar. Weit und breit kein Mensch zu sehen. . . Die Natur liegt in einer winterlich und verwelkten Vegetation dar. 

Direkt hinter dem AKW stehen all die großen Lagertanks mit hochradioaktiv verseuchtem Wasser. Ebenfalls zu sehen die braune Erde einer ausgehobenen Grube, in der radioaktive Dekontaminationsabfälle eingelagert werden sollen.

Am Reaktorgebäude 3 befindet sich auf dem Dach die im vergangenen Februar fertiggestellte halbrunde Schutzhülle und Entnahmevorrichtung für die Bergung der 566 Brennelemente aus dem Abklingbecken. Da die Strahlung im Inneren der Schutzhülle bei 100 bis 700 µSv/h liegt, muss die Bergung der Brennelemente, die im kommenden Herbst beginnen soll, über ferngesteuerte Kräne erfolgen. Eine Aufgabe, die sich aufgrund der Umstände eher schwierig gestalten wird.

Obwohl die Regierung und der Betreiber Tepco genau wissen, was die Reaktorkatastrophe für einen tiefen Einschnitt im Leben der Betroffenen verursacht hat, treiben beide die Wiederinbetriebnahme zweier Reaktoren am AKW Kashiwazaki Kariwa, Präfektur Niigata weiter voran.

Statt sich mit aller Kraft zu bemühen „Fukushima“ vergessen zu machen, und andere AKWs wieder hochzufahren, sollte man lieber die Opfer der Katastrophe unterstützen, ihnen ein normaleres Leben mit Wiedereingliederung in Arbeit und einer zumutbaren Bleibe ermöglichen, und sich auf bestmögliche Schadensbegrenzung und Rückbau der Reaktorruine fokussieren. Denn dort ist nämlich noch einiges im Argen. Seit 2011 läuft kontinuierlich radioaktiv verseuchtes Wasser ins Meer. Das hochradioaktive, vor allem das tritumhaltige Wasser, das in Tanks auf dem Gelände lagert, kann nicht „gereinigt“ werden. Die Atomaufsichtsbehörde NRA empfiehlt die Verklappung ins Meer. Dagegen wehren sich jedoch die Fischer und Umweltverbände. Was also mit dem besagten Wasser passieren soll, steht momentan noch nicht fest. Fest steht, das es verschwinden soll . . . „aus den Augen, aus dem Sinn“.

Laut Schätzungen wird der Rückbau der havarierten Reaktoren mindestens noch 40 Jahre andauern.

 

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Januar 2018 

AKWs zwischen Vulkanen und Erdbeben

In Japan sind Vulkane nach Erdbeben und Tsunami die dritte große Gefahr durch Naturereignisse. Alleine in Japan ereignen sich 20% aller Erdbeben weltweit. Dazu ist Japan übersät mit Vulkanen, wovon 265 zurzeit vermehrte Aktivität zeigen1,2,3. Hier und dort kommt es dann auch mal zum Ausbruch, der je nach Stärke erhebliche Gefahren, vor allem für die AKWs mit sich bringen kann. Nach einem Gerichtsur-

teil, das Mitte Dezember 2017 am OLG Hiroshima gefällt worden ist, darf der Reaktor 3 am AKW Ikata, Präfektur Ehime, nach Beendigung der Revision (von Oktober 2017 bis Mitte Januar 2018), vorerst nicht mehr angefahren werden. Begründet wurde das Urteil damit, dass aktive Vulkane in der Umgebung, insbesondere der Berg Aso, Nordkyushu eine zu große Gefahr für das AKW Ikata darstellen würden. 

Der o.g. Reaktor wurde zwar 2016 durch die Atomaufsichts-behörde NRA für „sicher“ befunden und zur Wiederinbetrieb-nahme freigegeben, allerdings wurden, wie unabhängige Experten belegten, mögliche Gefahren durch Erdbeben und Vulkane von der NRA völlig unterbewertet. Bei der Bewertung wurden sogar Daten der betreibenden Shikoku Elektrizitäts-werke herangezogen! (Kein Einzelfall). Da ist es doch ganz klar, dass die vom Betreiber erhobenen Daten zu Gunsten des AKWs ausgelegt sind. Denn kein Atomkonzern würde sich selber schaden wollen. Also kann doch von Objektivität der Daten keine Rede mehr sein. 

Ein Zustand, der nicht gerade vertrauenserweckend ist! Zumal die NRA den o.g. Reaktor freigab, obwohl er technische Mängel aufwies. Denn im Juni 2016, kurz vor der geplanten Wiederinbetriebnahme, fiel eine defekte Kühlpumpe auf, die erst einmal ausgetauscht werden musste. Auf die Vulkangefahr reagierte die NRA nun mit   

einem Notfallplan, der vorgibt, wie im Falle eines drohenden Vulkanausbruchs mit dem AKW umgegangen werden soll. Er ist in 4 Stufen gegliedert und sieht vor, dass bei Stufe 1 und 2 erhöhte Aufmerksamkeit, bzw. Alarmbereitschaft geboten ist. Bei Stufe 3, also der erhöhten Alarmbereitschaft, ist eine eventuelle Reaktorabschaltung vorzubereiten. Und wenn der Vulkan dann droht auszubrechen, also bei Stufe 4, soll der Reaktor sofort heruntergefahren und die Brenn-elemente entnommen werden. Die „heißen“ Brennelemente auf die Schnelle entnehmen? Und das auch noch gefahrlos? Und was ist mit dem Abklingbecken? Sind da keine „heißen“ Brennelemente drin, die noch aktiv gekühlt werden müssen? Denn das Abklingbecken wäre nämlich auch nicht sicher vor dem Vulkan. 

In Japan gelten etwa 265 Vulkane als aktiv. Die meisten davon befinden sich auf der Hauptinsel Honshu. Davon waren in letzter Zeit die meisten im Süden (Kyushu), wie z.B. der Berg Aso oder Sakurajima aktiv.

Im 150 km-Umkreis des AKWs Sendai, Präfektur Kagoshima (Kyushu) liegen 14 aktive Vulkane, darunter auch der 50 km entfernte Sakurajima4, der 2016 zum letzten Male ausbrach. 2013 spie der Vulkan Asche und Gesteinsbrocken bis in 5 km Höhe. Das AKW Sendai ist zurzeit mit 2 Reaktoren am Netz.  

Zu beachten sind vor allem auch die pyroklastischen Ströme, die den Vulkanausbruch noch gefährlicher machen. Die aus Gesteinsbrocken, Magma und heiße Asche bestehende Masse, die in einer hohen Geschwindigkeit den Berg hinunterdonnert, walzt alles nieder, was sich ihr in den Weg stellt, und stellt somit auch eine Gefahr für die AKWs dar. Die über viele Kilometer umherfliegende heiße Asche mit all ihren Partikeln legt sich überall nieder und richtet Schaden an.  

Und das sind auch keine Ausnahmefälle. Das betrifft nämlich alle AKWs, die für die Wiederinbetriebnahme vorgesehen werden, bzw. schon wieder in Betrieb sind.

So muss man sich doch wieder aufs Neue fragen: „Reicht eine Reaktorkatastrophe, die durch ein Naturereignis verursacht worden ist noch nicht?“ Zahlreiche Vulkanologen warnen jedenfalls, auch wenn 4 Reaktoren an zwei AKWs schon wieder in Betrieb sind5.

 

Weiterführende Hintergrundinformationen:

1) Vulkane in Japan

2) Welche Vulkane sind zurzeit aktiv? - interaktive Weltkarte

3) Erdbeben im Überblick und weitere Hintergrundinformationen speziell für Japan (japanisch)

4) Vulkan-Aktivitäten in der Nähe von AKW (N24, Archiv 2015)

5) AKW-Status, 4 Reaktoren an 2 AKWs am Netz