Die Entstehungsgeschichte von

,,Atomfreies Japan-Sayonara Genpatsu Düsseldorf''

 

,,Es begann mit einer E-Mail, die den Stein ins Rollen brachte ...

Das war die Geburtsstunde unserer Antiatom-Gruppe in Düsseldorf, zur Unterstützung der Antiatom-Bewegung in unserer Heimat.'' 

Somit wurde die Idee in die Tat umgesetzt und die erste Antiatom-Aktion im Sommer durchgeführt, worüber die Mitbegründerin Dr. M. Fuchs hier nachfolgend berichtet. 

Ein Bericht über die erste japanische Demonstration in Deutschland  - Atomkraftfreies Japan -

(Übersetzung aus dem Japanischen)

                                                             Dr. Mariko Fuchs

 

 

Alles begann beim Schreiben einer Email an einen Freund. „Wirklich schade. Wenn ich jetzt in Japan wäre, könnte ich an den Freitags-Demonstrationen teilnehmen, die wöchentlich vor der Residenz des Premierministers stattfinden.“ Während ich so schrieb, kam mir urplötzlich die Idee, dass man das gleiche ja auch in Düsseldorf organisieren könnte. Unverzüglich fragte ich meinen Freund per Mail, was er von diesem Einfall hielte, und als Antwort bekam ich von ihm sein klares Einverständnis.

       Die Demo sollte am 25. August stattfinden, und so begannen vier hektische Wochen Vorbereitungszeit mit vielen Laufereien. Ich bin Leiterin der KUMON-Schulen in Meerbusch und in Düsseldorf-Oberkassel. Die Sommerferien hatten gerade begonnen. Zu dieser Zeit war zufälligerweise ein früherer Schüler der KUMON-Schule in Meerbusch (der allererste Schüler) in Düsseldorf, Shinpei Takeda, der gegenwärtig als Filmregisseur und Künstler in Mexiko lebt. Er hat es sich unter anderem zur Aufgabe gemacht, die Erlebnisse der noch in Nord- und Südamerika lebenden japanischen Atombombenopfer aufzuzeichnen, neuerdings erhält er auch Unterstützung von der Organisation der Vereinten Nationen bei dem Projekt, diese Protokolle in alle Sprachen zu archivieren.

       In meiner jahrzehntelangen Tätigkeit als Lehrerin habe ich mir die geheime Maßnahme zu eigen gemacht, bei großen Schwierigkeiten und Verlegenheiten auf die Hilfe ehemaliger SchülerInnen zurückzugreifen, und so beschloss ich denn, das Wissen von Herrn Takeda für das kommende Vorhaben zu nutzen. Ich hatte zwar die Schirmherrschaft für die Demonstration übernommen, sonst aber keinerlei Erfahrung mit der Planung und Durchführung einer solchen Veranstaltung.

       Herrn Takedas erste Worte waren: „Vier Wochen vor der Demo, im Moment zu dritt und meine Wenigkeit, potentielle Teilnehmer hinzugerechnet, viel zu wenig, um einen Aufmarsch durch die Stadt zu organisieren. Stattdessen würde eine auffällige Aktion mehr Aufsehen erregen, um überhaupt erst einmal auf die Existenz einer Gegenbewegung hinzuweisen. Man könnte beispielsweise am Geländer einer vielbefahrenen  Rheinbrücke 1500 Sonnenblumen befestigen, (das Logo der Antiatomkraft-Bewegung ist eine lachende Sonne), die gegen Ende der Demo dann in den Rhein geworfen werden.“ Wir waren von dieser Idee alle begeistert und beschlossen einstimmig, das Ganze nun in die Tat umzusetzen. 

       Zuerst muss das Unternehmen bei der Polizei angemeldet werden. „Wie bitte? Gegen Atomkraft in Japan? Können wir gut verstehen. Viel Erfolg!“.  Bei den Beamten fanden wir die erste freundliche Unterstützung. Im Polizeipräsidium haben wir Herrn Schimanski (!) kennengelernt, der uns Hinweise für die Demonstration gegeben hat. Rede- und Meinungsfreiheit haben allerhöchste Priorität in Deutschland, aber gleichzeitig haben und erhalten Fußgänger genauso viele Rechte und Wertschätzung. Das heißt, Demonstrationen finden nicht auf Bürgersteigen statt, sondern auf Straßen, so belehrte uns Herr Schimanski recht freundlich.

       Nachdem Zeit und Ort der Demo geklärt waren, machten wir uns an die Herstellung von Flugblättern. Ferner erhielten wir die Erlaubnis, das berühmte Logo „ATOMKRAFT? NEIN DANKE“ zu benutzten und als Abzeichen mit japanischen Schriftzeichen zu übersetzen, vielleicht auch attraktiv für die Deutschen. Die Anstecker haben wir selbst hergestellt, um sie bei der Demonstration zu verteilen und damit Spenden zu erhalten. Mit der Zeit fanden sich auch immer mehr Sympathisanten und Unterstützer ein,  in erster Linie Japaner, aber auch deren deutsche Freunde gaben uns ihre freundliche Zustimmung. Auf der Immermannstraße wurden unter glühender Hitze die Handzettel verteilt.

Die wichtigste Rolle bei unserer Aktion spielten die Sonnenblumen. Ich wohne etwas außerhalb von Düsseldorf auf dem Land, und in meiner unmittelbaren Nachbarschaft gab es viele Sonnenblumenfelder. Im Sommer kann man auf diesen Feldern selbst die Blumen aussuchen und abschneiden. Danach legt man etwas Geld in eine Dose. Eine sehr beliebte Art des Einkaufs. Meine Aufgabe war es nun, mit unseren beschränkten Mitteln die 1500 Blumen von einem Landwirt zu erwerben. Keine leichte Aufgabe für mich, denn ich habe in solchen Dingen absolut gar kein Verhandlungsgeschick.  Glücklicherweise traf ich auf einen sehr freundlichen Bauern, mit dem ich mich einigen konnte, und der mir die Blumen für 100 Euro überließ.

       Des Weiteren brauchten wir Gerät und Ausrüstung für die Tonkulisse. Blumio, hierzulande schon ziemlich bekannt als japanischer Rapper, der seine Stücke in deutscher Sprache vorträgt, sicherte uns seine Unterstützung zu, er wollte eine Tonanlage beschaffen und dann als Moderator fungieren, als weitere Zugabe auch eines seiner Lieder präsentieren. (Nebenbei bemerkt: Blumio hat während seiner Schulzeit das obligatorische Berufspraktikum in unserer KUMON-Schule absolviert.) Gegen etwaigen Regen mussten wir natürlich auch gewappnet sein, ein Zelt und zurechtgeschnittene Transparente, die von einem Kalligraphiemeister beschriftet wurden, sollten für Schutz sorgen. Langsam wurde mir auch bewusst, dass so eine Demonstration allerhand Geld kostet.

       Aber vor allen Dingen waren für die Gründer der Organisation Unmengen an Vorbereitungen zu treffen, das Programm war zu planen, Benachrichtigungen und Aufrufe zu verfassen, und das alles mitten in meinen Sommerferien. Jede Nacht war ich bis drei Uhr morgens beschäftigt. Um es ganz ehrlich zu sagen: Ich habe es mehrfach bereut, dass ich so etwas in den Sommerferien angefangen hatte. Jedoch gab es jetzt kein Zurück mehr. Zeitungen und Fernsehen waren bereits informiert über die allererste Demonstration der in Düsseldorf  lebenden Japaner. Dieser Gedanke wiederum spornte mich an und gab mir genügend Durchhaltevermögen.

       Endlich,  noch zwei Tage bis zur Demo. Ich bin zu dem Landwirt hingefahren, um die Rechnung für die Sonnenblumen zu begleichen. Aber der freundliche Herr hatte erst einmal nur eine Hiobsbotschaft für mich parat: „Die Sonnenblumen sind leider alle restlos verwelkt.“ Das war das Ergebnis von einer lang anhaltenden Dürre und Hitze. Ich konnte es nicht glauben und fuhr selber auf das Feld hinaus. Was ich sah, waren nicht die blühenden und aufrecht stehenden Blumen aus der letzten Woche, sondern der Anblick war eher der eines Friedhofes für Sonnenblumen, die alle mit herunterhängenden Köpfen dastanden oder schon ganz zusammen gefallen waren. Dieser Tag war auch der erste KUMON Schultag nach den langen Sommerferien. Aber daran war jetzt nicht zu denken, als erstes musste ich geeigneten „Blumenersatz“ finden, dafür hatte ich nur einen Vormittag Zeit. Schließlich entdeckte ich ausgerechnet bei jenem Bauern noch verwendbare Blumen, mit dem ich mich während des ersten Besuches hinsichtlich des Preises nicht hatte einigen können. Das Geschäft kam zustande, die 1500 Blumen waren gesichert, und ziemlich erschöpft (aber rechtzeitig) erreichte ich die KUMON-Schule und erledigte bis zum Abend mein übliches Pensum.

Endlich war es soweit, der Tag der Demonstration war gekommen. Morgens um 9 Uhr fuhren wir zum Blumenfeld, schnitten und sammelten die Pflanzen ein. An der Oberkasseler Brücke ange-kommen wurden alle Blumen entladen und am Brückengeländer angebunden. Mit nur ein bisschen Verspätung schafften wir es noch bis zum Beginn der Demonstration um 14 Uhr. Die Sonnenblumen schaukelten sanft im Wind, und der obere Teil der Brücke wirkte wie in tiefes Gelb eingetaucht. An alle Fußgänger, Autofahrer und an alle Fahrgäste in den Straßenbahnen, welche die Brücke überquerten, und auch an die Zuschauer, die aus einiger Entfernung auf beiden Ufern des Rheins das Panorama beobachten konnten, war somit der Appell gerichtet, zumindest die Existenz dieser Demonstration zur Kenntnis zu nehmen.

Zu diesem Zeitpunkt drang eine äußerst schlechte Nachricht zu uns durch. Die im Vorfeld organisierte und sicher geglaubte Tonausrüstung war am Vortag bei einem Gewitter vom Blitz getroffen und irreparabel beschädigt worden. Was war da zu tun? Einer nach dem anderen begann zu telefonieren, am Samstag, eine Stunde vor Demo- Beginn, auf der Suche nach einer Firma mit Tonanlage. Wir fragten den Gastredner der Grünen aus dem Düsseldorfer Landtag ebenso wie die in unserer Nähe stehenden Polizisten. Ein  Polizist hat uns netterweise mit seinem Smartphone bei der Suche geholfen. Der Abgeordnete der Grünen fragte sein Parteibüro, das uns dann mit Bedauern mitteilte, dass man uns nicht aushelfen könne. Alle bemühten sich und zeigten viel Hilfsbereitschaft, aber die Zeit war einfach zu kurz, um irgendwelche technischen Geräte noch vor Ort zur Verfügung zu stellen. 

Als wirklich schon alles verloren schien, meldete sich eine japanische Mitstreiterin zu Wort: „Das hier ist ein Spielzeugmegaphon für Kinder, aber vielleicht kann man ja damit etwas anfangen.“ Sprach‘s und zauberte es aus ihrem Rucksack. Wir legten zwei neue Batterien ein, testeten den Ton, und fertig war unserer Lautsprecheranlage. Wenn das keine göttliche Hilfe war! Nun mussten wir nur noch in brünstig hoffen, dass die letzten zwei Batterien bis zum Ende durchhalten würden.

Wie später auf den Photos und Bildern zu sehen sein würde, verstärkte dieses kleine unscheinbare Megaphon die Dringlichkeit unseres Anliegens, Redner und Zuhörerschaft standen sehr viel näher beieinander. Um zu verstehen, musste man wohl doch konzentriert zuhören. Einige Teilnehmer erklärten, dass insbesondere das kleine Megaphon bei ihnen Sympathie und Mitgefühl ausgelöst hätten, die finanziellen Mittel seien eben doch eher beschränkt gewesen. Sie waren es im Übrigen auch. Dennoch war das Ganze ein glücklicher Zufall, dass eins unserer Mitglieder eher beiläufig das Spielzeug in den Rucksack gesteckt hatte.

       Zu unserer ersten Demo kamen Deutsche und Japaner, zusammengerechnet etwa 300 Personen, Solidaritätsbekundungen erhielten wir aus Japan von den Atomkraftflüchtlingen aus Fukushima und der Antiatomkraftbewegung, Gastredner vor Ort waren Repräsentanten der Grünen, ein deutscher Pfarrer, eine vietnamesische Antiatomkraftgruppe, eine iranische Aktivistin, eine deutsche Ökologin und viele mehr. Anstelle von Blumio, der ohne Verstärkeranlage leider keinen musikalischen Beitrag leisten konnte, sprangen die Trommler der japanischen Wadaiko-Gruppe ein.

Gegen Ende zog der Konvoi auf die Rheinbrücke, löste die Blumen vom Geländer und warf sie in den Rhein, unser symbolischer Abschied von der Atomkraft. Es ist ein japanisches Zeremoniell, das Abschiednehmen durch das Fortfließen des Wassers auszudrücken. Das sollte auch als Hinweis für die deutschen Medien dienen.

       Was mich besonders glücklich gemacht hat, das war die positive Resonanz in der japanischen Be-völkerung, insbesondere bei denen, die schon sehr lange in Deutschland leben, und unter ihnen speziell die japanischen Frauen, die mit Deutschen verheiratet sind. Sie alle hatten auf solch eine Veranstaltung gewartet und sie herbeigesehnt. Die Krise in ihrer Heimat hat sie nicht unberührt gelassen.       

Einige KUMON-SchülerInnen und deren Eltern kamen zur Versammlung und spendeten Beifall, den ich dankbar annahm.

       Natürlich weiß ich sehr wohl, dass von den in Düsseldorf wohnenden japanischen Geschäftsleuten und deren Familien nicht alle gegen die Atomkraft sind, und ich respektiere und würdige ihre Meinungen durchaus. Was ich als Problem empfinde, ist vielmehr die Tatsache, dass mehr als 80% der im Inland lebenden Japaner gegen die Atomkraft sind, ihre Stimme aber kein Echo in der japanischen Politik findet. Bei diesem Umstand stelle ich mir die Frage, ob man Japan noch zu den demokratischen Ländern zählen darf, zumindest, was die Energieversorgung der Bevölkerung anbelangt.

       Bis zum Schluss wurde unsere Demonstration von den abenteuerlichsten Episoden begleitet. Die Sonnenblumen mit dem Sonnenlogo-Klebeband zu befestigen war eine relativ einfache Angelegenheit gewesen, dieses aber wieder fein säuberlich vom Metallgeländer zu entfernen, das hat uns nochmals vier Stunden harte Arbeit gekostet! Zu Hause angekommen erhielt ich jedoch auch sogleich die Nachricht, dass der WDR am Abend unter den lokalen Nachrichten unsere Demo als eines der Topthemen im Fernsehen ausstrahlen würde. Das war in der Tat eine angemessene Belohnung..

Video der Sonnenblumenaktion 

(Wenn Sie Zeit und Lust haben, können Sie bei Youtube einmal vorbeischauen: „SAYONARA Genpatsu Düsseldorf“)

       Eine Demo mit vielen Hürden und Schwierigkeiten, aber wenn das Ende gut wird, war im Nachhinein alles gut. Wir haben das Know How für Kundgebungen gewonnen, die Zahl der aktiven Mitglieder erhöht, und wir sind mit Netzwerken in Japan und Paris in Kontakt gekommen. Als nächsten Schritt könnte man ganz offiziell an die Gründung eines gemeinnützigen Vereins denken, Tatendrang und Ehrgeiz sind ausreichend vorhanden.

       Ferner haben wir einige Dinge ganz klar verstanden. Die Hürden für die Verwirklichung der Demokratie sind niedriger geworden. Facebook und Twitter, Blogs und andere Werkzeuge des Internets haben eine nicht zu unterschätzende Stärke und Macht entwickelt. Der gesamte Nahe Osten wurde von der „Jasmin Revolution“ erobert, die wir wirklich gut nachvollziehen konnten. Oder, anderes gesagt, im Zeitalter der Internet-Technologie haben die Diktatoren und Autokraten es weitaus schwerer, ihre Macht und ihren Einfluss zu wahren und zu schützen. Das einfache Volk hat heutzutage mehr Chancen und Möglichkeiten, gegen die Machthaber vorzugehen.

       Wir befinden uns in einem globalen Zeitalter. Während der Planung und Durchführung unseres Demo-Projekts habe ich keinerlei Distanz zwischen Japan und Deutschland bemerken können. Durch die Vermittlung mit dem Internet wurde die Netzgemeinde der Japaner und der Deutschen immer größer. Ermöglicht wird diese Erscheinung durch globale Themen, die uns miteinander verbinden. Der Atomausstieg ist nicht nur eine nationale Angelegenheit. Sowohl von der ökologischen als auch von der ökonomischen Seite aus ist die Welt eng miteinander verknüpft, wir vertreten alle ein gemeinsames Interesse. Bedingt durch das Atomunglück in Fukushima hat sich die deutsche Gesellschaft für einen schnellen Atomausstieg enschieden. Die in Deutschland lebenden Menschen sind mit uns eine sehr enge geistige Verwandtschaft eingegangen. Aus deutscher Sicht gesehen ist Fukushima nicht unendlich weit entfernt, sondern mehr ein Problem im Nachbarhaus.

     Einen Monat nach der Demo lasse ich die Dinge noch einmal an mir vorbeilaufen. Jedes Mal, wenn ich irgendwo Sonnenblumen sehe, wird meine Erinnerung wach. Ein Sommer voller Anstrengungen, aber auch ein Sommer, der mich meiner Kräfte und meiner Energie hat bewusst werden lassen.