Von unseren Mitgliedern  (ab 2015)  

 

März 2017

 

Artikel der Rheinischen Post

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Ansprache vom Kazuko Karuma-Kölzer zum Hiroshima-Gedenktag in Dortmund (August 2015)

 

Am 06.08.2015 fand in Dortmund die Friedens- und Gedenkveranstaltung für die Opfer der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki von vor 70 Jahren statt.  

Ginkobaum im Friedenspark (Bild: P. Alt, Archiv 2013)
Ginkobaum im Friedenspark (Bild: P. Alt, Archiv 2013)

Ein Thema, was auch nach 70 Jahren immer noch aktueller ist als denn je, zumal die Gefahr eines kalten Krieges wieder deutlich angewachsen ist.

Auch die japanische Regierung macht widersprüchliche Angaben, indem Ministerpräsident Shinzo Abe (LDP) einerseits großartig verkündet, dass er Atomwaffen und Krieg ablehnt, aber andererseits das Militärgesetz geschickt untergräbt, so dass der Weg für eine offensive Kriegsführung frei ist und auch die AKWs trotz fehlender Notwendigkeit wieder ans Netz nehmen will.

 

Nachfolgend die Ansprache von Kazuko Karuma-Kölzer (in ungekürzter Originalfassung) vom 06.08.2015 vor dem Ginkobaum im Park am Friedensplatz in Dortmund:

 

Ich bin ein Mitglied der Anti-AKW Initiative Sayonara Genpatsu in Düsseldorf.

Ansprache von Kazuko Karuma-Kölzr (Bild: Takagi)
Ansprache von Kazuko Karuma-Kölzr (Bild: Takagi)

Dieses Jahr wurde ich 60 Jahre alt, d.h. ich wurde 10 Jahre nach Kriegsende, dem Atombombenabwurf auf Hiroshima und Nagasaki geboren. Wie so vielen Mädchen meiner Generation wurde mir der Name Kazuko gegeben. Das heißt so viel wie Kind des Friedens, Kind der Harmonie. Hierin steckt der Wunsch der Eltern: keinen Krieg mehr, nur noch Frieden. So empfinde ich es auch als meine Aufgabe, heute zu Ihnen zu sprechen, als Bittstellerin für Frieden.

 

Ich wuchs zunächst in Japan auf und hatte keine Ahnung von der Atomenergiewirtschaft in meiner Heimat. Angesichts der katastrophalen Folgen von Hiroshima und Nagasaki und nicht beherrschbarer Risiken von Atomkraft herrschte die Hoffnung und die Überzeugung, jeglicher Nutzung von Atomkraft eine Absage zu erteilen.

 

Aber die Gefahr lauerte in Form von Kernkraftwerken weiter! Diese Art der Energieerzeugung wurde von vielen Nationen als friedliche Nutzung der Atomenergie propagiert und die Amerikaner haben sie an uns Japaner verkauft.  Bis erste Probleme bekannt wurden, wusste ich  - wie die meisten meiner Landsleute - von den zahlreichen japanischen Kernkraftwerken nichts.

 

Während des Studiums in Deutschland erlebte ich die Demonstrationen gegen AKWs. Ich erinnere mich noch, dass damals der Stop der Inbetriebnahme des AKWs in Kalkar als großer Erfolg gefeiert wurde. Dann trat vorübergehend Ruhe ein. Die AKWs haben still vor sich hin gebrütet und unser aller Leben bedroht.

 

Schließlich geschah der atomare GAU in Fukushima. Ich verfolgte wie Millionen andere Menschen auf dem Bildschirm die Riesenwellen, die das Land verschlangen, und den Niedergang des AKW Fukushima Daiichi. Was danach - an eigentlich unbeschreiblichem – Unglück und Leid folgte, ist uns allen aus den Medien bekannt.

 

Laut einer Untersuchung der Regierung sind noch heute weite Landstriche von Präfekturen Fukushima, Gunma, Ibaragi, Chiba, Saitama, Teile von Tokyo, Teile von Präfekturen Miyagi und Niigata stark verseucht mit radioaktivem Caesium. Das Gebiet mit ca. 20.000 km2 und 10 Mio. Einwohnern wird von der japanischen Regierung als „radioaktives Kontrollgebiet“ bezeichnet. Die Höhe der mancherorts gemessenen Radioaktivität von 40.000 Beq/m2 entspricht etwa der Verseuchung von Tschernobyl von vor ca. 30 Jahren und das Gebiet müsste komplett evakuiert werden, wenn man das japanische Gesetz beachten und die Bürger schützen wollte. Man weiß, dass die radioaktive Belastung durch das Reaktorunglück von Tschernobyl zu erheblichen gesundheit-lichen Schäden unter der Bevölkerung in den letzten 3 Dekaden in Weißrussland, Russland und der Ukraine geführt hat. Es leben aber immer noch sehr viele Menschen in und um das Gebiet von Fukushima mit hoher radioaktiver Belastung (1-20 mSv/Jahr), das nach den Vorgaben in Tschernobyl als gefährlich eingestuft wurde und somit den Betroffenen Anspruch auf Evakuierung mit staatlicher Unterstützung zugesteht. Kürzlich hat Greenpeace an einigen Stellen in der Präfektur Fukushima Bodenproben entnommen und deren radioaktive Belastung gemessen. An vielen Orten betrug die Erde über das 10 fache des Schwellenwertes von 1mSv.

Hierzu ist anzumerken, dass Schwellenwerte immer nur eine willkürliche Maßgabe darstellen. Für die Gesundheit gibt es keinen Wert, oberhalb derer die Radioaktivität dem Organismus Schaden zufügt und unterhalb nicht. Radioaktivität bleibt Radioaktivität und wird mit der Folge von Gesundheitsschäden vom Körper aufgenommen, selbst wenn das nicht frühzeitig sichtbar wird.

Die japanische Regierung behauptet, eine Strahlenbelastung unterhalb 100mSv habe keinerlei negativen Einfluss auf die menschliche Gesundheit und hält vorbeugende Maßnahmen zum Schutze der Bevölkerung daher für unnötig. Trotzdem nehmen unter der Bevölkerung in und um die Präfektur Erkrankungen in alarmierendem Ausmaß zu, unter anderem Schilddrüsenkrebs bei Jugendlichen, auch wenn das durch staatliche Untersuchungen offiziell nicht bestätigt wird. Diese sind unter Fachleuten wegen zweifelhafter Methoden äußerst umstritten und wenig vertrauenswürdig,

Die japanische Regierung hat Dekontaminierung in stark belasteten Gebieten veranlasst. In mehreren Städten und Gemeinden wird die Erdoberfläche abgetragen und in Säcke gefüllt. Noch liegen aber diese Säcke überall in der Landschaft herum und strahlen vor sich hin.

Es wird behauptet, inzwischen sei die Erdoberfläche dekontaminiert und wieder bewohnbar. Anfang 2017 sollen dann Anwohner, die in andere Gebiete in Japan geflüchtet sind, wieder zurückkehren. Zur Zeit befinden sich überall in Japan verteilt mehr als 120.000 Flüchtlinge aus diesem Gebiet. Viele davon sind Mütter mit Kindern. Sie erhielten bis jetzt eine Unterstützung von ca. 750 EUR/Monat. Viele Betroffene wollen gar nicht zurückkehren, weil die Gefahr offensichtlich ist, aber wenn diese Unterstützung gestrichen wird, haben sie keine Lebensgrundlage mehr.

Es ist äußerst wichtig, Kindern aus belasteten Gebieten Erholungsurlaub zu ermöglichen, wo sie unbeschwert draußen spielen und unbelastete Lebensmittel zu sich nehmen können. So könnten nach und nach im Körper angereicherte radioaktive Substanzen ausgeschieden werden. Viele Ferienheime und Organisationen in Hokkaido und Okinawa nehmen auf Eigeninitiative und finanziert durch Spendengelder Kinder aus diesem Gebiet auf und ermöglichen so einen kurzen, aber erholsamen Urlaub. Es ist besser als nichts, aber viel effektiver wäre es, wenn Schulklassen regelmäßig in Schullandheime in unbelasteten Gebieten fahren könnten. Von den Schulen ist das nicht vorgesehen, weil damit zugegeben würde, dass es gefährlich ist in diesen Gebieten zu leben! Es gibt viele Initiativen und Organisationen, die solche Maßnahmen stützen. Eine davon ist die Dortmunder Organisation “Hilfe für Japan”, vertreten durch Frau Schlütermann. Durch ihre Spenden wird ein Erholungsurlaub für Kinder aus Fukushima ermöglicht. Aber die Japanische Regierung müsste die Initiative ergreifen und diese Maßnahmen fördern und vorantreiben!

 

Nach der Katastrophe haben die meisten AKWs in Japan stillgestanden, zwecks Sicherheitsinspektion wie es heißt. Die japanische Regierung will sie nach und nach wieder ans Netz nehmen und die japanische Wirtschaft ankurbeln (so die Propaganda der LDP unter Ministerpräsident Abe). Aber sehen Sie doch: Fast 4 lange Jahre konnte Japan ohne Atomenergie seine Energieversorgung aufrecht erhalten. Ohne weitere Risiken einer solchen verheerenden Katastrophe. Wir haben doch der Welt gezeigt, dass es möglich ist, ohne Atomenergie zu leben.

 

In Japan wurde am 15. Juli ein Gesetzesentwurf gegen den Willen der meisten Bürger durchgesetzt, wonach die japanische Armee zur Selbstverteidigung ermächtigt wird, auch wenn nicht Japan selbst, sondern ein Bündnisland wie z.B. die USA angegriffen wird.

 

Zur sog.  „Wahrung des Weltfriedens“ soll die japanische Armee zur Unterstützung Verbündeter in fremde Krisengebiete entsendet werden können.

Japan hat bisher den Weg einer Friedensnation gewählt und den Krieg strikt abgelehnt. Dieses neuerliche Ereignis bedeutet für uns eine komplette Wende. Es besteht auch die Befürchtung, dass Japans AKWs zum Ziel der Angriffe durch fremde Nationen werden können.

 

Unser Appell an die japanische Regierung lautet:

 

1.   Bitte kontrollieren Sie sorgfältig die Gesundheit der Bürger und die Kontamination der Landstriche und ermöglichen besonders den Kindern unbelastete Ferienaufenthalte weit ab von Fukushima.

 

2.   Lassen Sie die AKWs ausgeschaltet! Wir brauchen sie nicht und sind auch ohne sie autark in unserer Energieversorgung.

 

Der Weltfrieden ist unser höchstes Gut. Wir haben genug Kriege gehabt und viele Folgen durch die beiden Atomabwürfe erlitten. Mehr Schäden wollen wir unserer Nachwelt nicht zumuten. Lassen Sie das Gesetz unangetastet, das uns vor Kriegen schützt!